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Extremer Frust, die gesamte Bevölkerung Griechenlands erfassende Unzufriedenheit, wachsende Armut, Elend, Perspektivlosigkeit, endlose Protest-Demonstrationen, Ausbrüche von Gewalt auf der Straße und Hass auf die „Diktatoren in Brüssel und Berlin“ verbanden sich nach geraumer Inkubationszeit, nach W. Busch: „…- Zisch, Zasch, Zisch - zu einem innigen Gemisch“...

Diese explosive Gemengelage strebte einer äußeren Entscheidung zu. Sie fiel am vergangen Sonntag. Das Wahlvolk hatte gesprochen und zwar überlaut. Weitere, weitaus schwerwiegendere Entscheidungen werden bald fallen.  

„Die mächtige Stimme der Demokratie hat gesprochen,  wir haben das politische Establishment verjagt und die Parteienlandschaft konstruktiv umgekrempelt“ - tönt es hitzig aus Athen. „Wir gratulieren, aber Absprachen sind strikt einzuhalten“, so tönt es kühl aus Brüssel, Berlin, Paris, London, Rom und anderen Hauptstädten der EU zurück. 

„Eine Million Arbeitsplätze gingen verloren, die Kapitalflucht boomt, die Wirtschaft brach um rund 30 % ein, die Abwanderungswelle der Qualifizierten - also der ökonomischen Leistungsträger - erreicht, genau wie die allgemeine Armut, immer neue Rekordwerte.  Wir sparen uns per Diktat zu Tode. Daran sind allein die Berliner „Nazi-Merkel“ (auf Plakaten mit Hakenkreuz-Armbinden dargestellt) und die verhasste, bösartige Brüsseler Troika schuld. Genug ist genug, das lassen wir uns nicht länger gefallen.“ So schallte es durch die Megaphone im Wahlkampf. 

„Ihr habt 350 Milliarden € an Geldern von uns verbraten, und habt schon wieder 250 Milliarden an Neuschulden aus internationaler Finanzhilfe aufgetürmt. Eure Situation verschlechtert sich zudem immer weiter. Die EU und ihre Steuerzahler sind keine Milchkuh, die man melken kann, bis die Milch blutig wird. Wir fordern eine Rückzahlung auf Raten und tiefgreifende Reformen. Daran ändert auch eure Wutwahl nichts“. So schallt es aus den Kreisen der führenden EU-Politiker und natürlich vor allem der Banken und anderer Geldgeber. 

Kein Zweifel: Eine Konfrontation ist unvermeidlich. Die durch vollmundige Wahlphrasen des Polit-Charmeurs Alexis Tsipras angeheizte Euphorie wird tiefer und schmerzhafter Ernüchterung weichen. Wenn Sümmchen in der Größenordnung von 600 Milliarden € auf dem Spiel stehen, insbesondere wenn es sich um einen wirtschaftlichen Winzling mit einem Anteil von nur noch 1,7 %  der EU-Wirtschaftsleistung handelt, werden selbst ganze Wagenladungen voller Charme eines großartigen Show-Talents und dessen erdrutschartigen Sieges, plus Tonnen hochreinen Olivenöls als Zugabe, nicht mehr allzu viel helfen.  

In Europa hat dieser in seiner Heimat derzeit hoch populäre Revoluzzer keine Verbündeten. Seine luftigen Sozialprogramme sind ohne frische Gelder aus dem Ausland schlicht nicht finanzierbar. Der Abgleich mit der Realität hat schon so manchen sozialistischen Wunderbaum zu Fall gebracht. Nüchterne Betrachtung, frei von griffigen Werbe-Parolen, lässt nur einen Schluss zu: Entweder es werden alte Schulden ganz oder teilweise erlassen, die Zahlungsfristen gestreckt, sowie frische Kredite - also neue Schulden - aufgenommen, um satte Staatsausgaben zwecks Volksbeglückung auf Pump zu ermöglichen, oder aber der Staatsbankrott droht.  Ein Schuldenerlass ist unabdingbar und er wird weder zu 0 % noch zu 100 % der Schuldsumme abgeschlossen. Die genauen Bedingungen werden bald bekannt sein. Man sollte sich mit dieser Übereinkunft besser beeilen, denn jeder Schwebezustand schafft Unsicherheiten und weitere Kapitalfluchtströme.   Geldgeber und Kapitalmärkte hassen unsichere Zustände etwa so wie zwei eingeschlafene Beine plus einen Kropf.  Sicherheit und klare Verhältnisse sind gefragt. 

Natürlich gäbe es noch die dritte Möglichkeit: Griechenland tritt, wenn schon nicht aus der EU, wenigstens aus dem Euro-Verband aus und erklärt den Schuldnern gegenüber Zahlungsunfähigkeit und staatlichen Bankrott. Alle Schulden werden abgeschrieben. Athen ist frei von Altlasten, die EUSteuerzahler und die Banken bluten. Man führt die Drachme wieder ein und wertet diese drastisch ab. Dann würde das Land wieder von geldbringenden Touristen mit Hartwährung überschwemmt, die in ein superbilliges Land reisen. Vielleicht mietet sich sogar „Nazi-Merkel“ in einem Luxus-Palast an der Ägäis zu Hartz-4-Preisen ein? Oder die Berliner Regierung unterschreibt einen Dauermietvertrag für ein Anwesen in zwölffachem Hollywood-Format, was an jedem Wochenende mit Ministern, Staatssekretären, Parteibonzen und weiblichem Abdichtungsmaterial überfüllt wäre. So preiswert kriegt man’s nie wieder.

Möglicherweise kauften dann wohlhabende Ausländer ganze Inseln mit Olivenhainen als SuperSchnäppchen auf. Ihre reichen Geschäftsfreunde residieren schon auf den Nachbarinseln. Man lädt sich am Wochenende wechselseitig zu glamourösen Parties ein, natürlich unter Totalverzicht auf echte Orgien.

Im Übrigen würde alles, was noch zu exportieren ist, wie Alkoholika, Käse, Oliven, Fisch, Putzfrauen und landwirtschaftliche Produkte aller Art den Anbietern aus den Händen gerissen. Goldman-Sachs und andere Wall Street-Größen könnten die ihnen bereits als Pfand überschriebenen Öl- und Gasvorkommen endlich zu Mini-Kosten entwickeln und dann vermarkten, wenn die Energiepreise wieder anziehen. Es wäre für alles gesorgt und vor allem würden massiv neue Arbeitsplätze geschaffen.

Doch wirtschaftliche Vernunft und politische Ideologie sind verfeindete Brüder. Ein Austritt des Landes aus dem den Brüsseler Zentralplanern heiligen Euro oder gar der EU, aus der man übrigens überhaupt nicht austreten kann (keine Austrittsklauseln), sondern per Knebelvertrag für immer gefesselt bleibt, könnte anderswo Schule machen. Die „Wahren Finnen“, der „Vlaamse Blok“ in Belgien, Marie Le Pen in Frankreich, die AfD in Deutschland, sowie viele Europa-kritische Parteien und politischen Strömungen in zahlreichen Ländern, würden Morgenluft wittern. Diese sind mehrheitlich nicht „gegen Europa“, sondern „gegen eine Brüsseler Diktatur“. Vielen schwebt das altehrwürdige Konzept des französischen Staatspräsidenten de Gaulle vor, nämlich das „Europa der Vaterländer“. Alle leben friedlich, harmonisch und konstruktiv zusammen, regeln aber ihre Angelegenheiten völlig selbständig.

Auch fänden es zahlreiche EU-Mitglieder höchst unfair, wenn sie den aufoktroyierten Vorschriften gemäß mehr oder weniger erfolgreiche Sparkurse fahren (wie Irland) und Austeritätsmaßnahmen (wie Portugal) betreiben und das Geforderte und Ersparte an das Bankenkartell schön brav Monat für Monat abdrücken. Und dann gibt es da so ein Land, was sich (indirekt) auf ihre Kosten nicht an diese Regeln der Enthaltsamkeit hält. Wieso die und wir nicht?

Regelbrecher und Abtrünnige aber sind die Albträume von Europas Overlords und der Bankenfürsten. Daher ist ein einfaches Durchwinken oder Ausscheiden der Griechen aus dem Euro-Raum höchst unwahrscheinlich. Man wird verhandeln, feilschen, hier ein paar Millimeterchen von der Schuldenlatte abstreichen, dort ein Viertel Literchen Support-Milch nachgießen, Zahlungsterminchen prolongieren und weitere, etwas dünne, Rettungsmaträtzchen ausbreiten. Heilige Kühe, wie: Zentralplanerische EU, sakraler Euro und das glorreiche Bankensyndikat schlachtet man nicht. Man rührt sie nicht einmal in zartester Weise an. Alles streng Tabu!

Sowohl der neue Regierungschef im Lande der Hellenen nebst seinem kleinen rechtspopulistischen Koalitionspartner, wie auch die Abgesandten der großmächtigen EU werden in den kommenden Wochen ihre bisher unversöhnliche Rhetorik an den Verhandlungstischen mäßigen. Wilde Tiraden sind „out“, die „coole“ Sprachmodulation typischer Geschäftsleute ist „in“. Die Rückkehr in den Alltag wird allen Beteiligten große Bitterfrüchte vom Baum der Erkenntnis und, nach deren Ernte und Verzehr, nicht minder große Ernüchterung nebst Magenschmerzen bescheren.

Die Griechen mögen verdrängt haben, dass noch vor nicht langer Zeit z. B. Hunderttausende von ihnen Rente (von EU-Steuergeldern) bezogen, obwohl die Empfänger schon viele Jahre verstorben waren. Auch andere Arten wilden Missbrauchs von Sozialsystemen waren landesweit routinemäßig Gang und Gäbe. Doch der Krug ging solange zu Wasser, bis die Brüsseler Sparkommissare nach gründlicher Durchforstung der sozialen Landschaften dieser Art Auffassung von EU-Mitgliedschaft weitgehend ein Ende setzten.

Auf der anderen Seite und aus heutiger Sicht der Bevölkerung, von der natürlich nicht alle während der „goldenen Zeiten“ fast unbegrenzter ausländischer Finanzhilfen derartigen Sozialbetrug verübten, ergibt sich jetzt folgende Perspektive: ‚Wir haben in wirklich demokratischer Art und Weise uns eine neue Regierung gewählt, die uns große Hoffnung gibt. Wenn uns jetzt keine Abhilfe geboten wird, taugt unsere Demokratie nichts.’

Und dieses Argument gilt bei weitem nicht nur in Griechenland. Auch anderswo zweifelt man das „demokratische System“ mittlerweile insgeheim an. Totalüberwachung des gläsernen Bürgers, massive Meinungsmanipulation, fortlaufende Beschneidung der bürgerlichen Freiheiten und Rechte, und langsames gewolltes Sterben der Mittelklasse Diagnose: ‚Demokratieverständnis auf abschüssiger Bahn.’

Außerdem fragen sich viele - und dies zu Recht: Wieso verlassen wir nicht den Euro und führen unsere eigene Währung wieder ein? England, Schweden. Norwegen und Dänemark beispielsweise, fahren sehr gut ohne Euro. Die drei skandinavischen Kronen haben sogar schon lange vor dem Dollar- und Frankenboom in den letzten zwei Jahren gegenüber dem Euro kräftig aufgewertet. Also taugt der Euro nicht viel, zumal er gerade gegenüber einer im Grunde so kranken Währung wie dem großen Dollar und auch gegen den vergleichsweise gesünderen kleinen Schweizer Franken im Kurs immer weiter in die Tiefe sinkt und an Kaufkraft und Substanz verliert wie ein angestochener Getreidesack.

Doch noch regieren die Zentralbanken und ihr Hofstaat die Welt und da wird es keine abweichlerischen Mätzchen von ihren Diktaten geben. Und was die Griechen betrifft: Dem Rausch folgt bekanntlich immer der Kater und niemals die (Schmuse-) Katze.

Wie geht es weiter? Eines steht fest: Es wird mit absoluter Sicherheit einen Gewinner geben. Wen? Sie haben es erraten: Die (fast schon) gottgleiche Bankenbranche!

© Prof. Dr. H.-J. Bocker
www.profbocker.ch

 

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